Francesco Puppis Debüt bei einem 100-Meilen-Wettkampf war alles andere als still und leise. Beim Western States 100 2026 wurde er mit einer Zeit von 13:51:08 direkt Zweiter, lief schneller als der zuvor gültige Streckenrekord und hat im Männerbewerb eine neue Ära eingeläutet. Neuling war er damit höchstens, was die Distanz angeht – ganz sicher nicht in Bezug auf seine Ambitionen.
Der Western States hatte noch nie ein Podium, das komplett unter 14 Stunden geblieben war. Francesco war Teil dieses legendären Wechsels und lag nur 4 Minuten und 53 Sekunden hinter Vincent Bouillard, der mit einem außergewöhnlichen Finish das Rennen für sich entscheiden konnte. Francesco hatte nie infrage gestellt, ob er schnell genug sein könnte. Mit einem Streckenrekord beim Canyons 100K 2025 und einem CCC-Sieg hatte er das bereits bewiesen. Die Frage war eher, ob seine Geschwindigkeit auch über 100 Meilen halten würde.

Aus Speed mach 100-Milen-Ausdauer
Francescos Geschichte machte ihn bereits vor dem Rennen zu einem der interessantesten Athleten an der Startlinie. Seine Laufkarriere war von der Bahn, kurzen Bergbewerben, schnellen Trails und Problemlösungskompetenz auf der Langstrecke gezeichnet. Alles Punkte, die beim Western States relevant sind, weil dort die Fähigkeit, nach stundenlangem Bergauf und Bergab nochmal Gas zu geben, oft das Rennen entscheidet.
Im Februar, vor dem Black Canyon 100K, erklärte Francesco, wie sich seine Vorbereitung auf Geschwindigkeit, Ausdauerläufe und die Fähigkeit, nach vielen Stunden noch eine hohe Pace zu halten, stützte. Beim Western States hat er diese Vorstellung dann auf 100 Meilen getestet. Sein Vorteil war nie bloß sein Speed, sondern dass es ihn relativ wenig kostet, so schnell zu laufen. Genau das ermöglichte ihm dann, die Anstiege gut zu schaffen.
Seine Leistung erbrachte er außerdem nach einer unterbrochenen Vorbereitungsphase. Beim Black Canyon renkte sich Francesco seine Schulter aus und musste aufgeben. Im März gewann er dann den Chianti Marathon mit einem Streckenrekord, aber Anfang April brach er sich bei einem Sturz auf Eis das Handgelenk und musste operiert werden. Abgesehen von einer kurzen Pause um die OP zog er sein Training relativ konsequent durch, aber sein Körper reagierte nicht mehr so gut auf die 100-Meilen-Vorbereitung.
„Wegen der Verletzungen und des Stresses und der daraus resultierenden Erschöpfung konnte mein Körper nicht mehr so gut mit dem Training umgehen“, sagt Francesco. „Das machte mich sehr unsicher. Du weißt, wie sich ein leichter Lauf anfühlen sollte – aber dieses Gefühl kam für eine ganze Weile nicht mehr.“
Francesco musste also mit seinem Coach, Tito Tiberti, einen anderen Weg finden, um zu trainieren. Statt eine traditionelle 100-Meilen-Vorbereitung durchzupeitschen, setzten sie also auf mehr Cross-Training, hielten die allgemeine Trainingsbelastung hoch, bauten mehr Erholungsphasen zwischen den wichtigsten Sessions ein und legten die langen Läufe eher auf Ausdauer als Intensität aus. Das Ziel dabei war, die bereits entwickelten Fähigkeiten zu erhalten und seinen Körper gleichzeitig schrittweise auf die mechanischen Anforderungen eines 100-Meilen-Laufs vorzubereiten.
Etwa Mitte Mai nahm die Vorbereitung eine Wende: Bei Francesco machte es Klick und er konnte wieder härtere Workouts absolvieren und regelmäßiger trainieren. Im letzten Monat ging es dann weniger darum, alle relevanten Reize zu trainieren, sondern eher, das Training bis dahin sinnvoll zusammenzuführen: Geschwindigkeit halten, Ausdauer steigern und mit einem Körper im Olympic Valley aufzutauchen, der bereit war, sich auf unbekannte Distanzen einzulassen.
„Ich machte mir Sorgen wegen der Einheiten, die ich in dem mit meinem Coach ursprünglich anders geplanten Trainingsblock nicht untergebracht hatte, nachdem wir alles etwas komprimieren mussten“, gibt er zu.
„Wir haben ein paar spezifische Reize geopfert, aber so wie meine Saison strukturiert ist, müssen wir nicht für jedes einzelne Rennen einen ganz konkreten Block bauen. Geschwindigkeit ist auf irgendeine Art immer enthalten, weil ich daran in meinem Winter-Trainingsblock gearbeitet habe. Für diese Vorbereitung reichte es aus, den Speed mit ein paar wenigen Workouts zu erhalten. Im letzten Monat ging es dann darum, alle Puzzlesteine zusammenzufügen und meinen Körper auf die Anforderungen eines 100-Meilen-Laufs vorzubereiten.“

Francesco Puppis Trainingsbelastung im Überblick: vom 1. Jänner bis zum Western States 100.
Vom Start bis Foresthill: Kontrolle behalten bei Rekord-Pace
Der Wettbewerb startete schneller, als Francesco erwartet hatte. Hans Troyer war die treibende Kraft der Anfangs-Pace und mehrere heiße Anwärter auf den Sieg verfielen in einen aggressiven Rhythmus. Francesco wusste, wie riskant die Anstrengung war, aber die Gruppe ziehen zu lassen, hätte andere Risiken mit sich gebracht.
„Die Pace war von Anfang an sehr hoch“, erklärt er. „Ich sagte zu Kilian, Jim und Vincent, die neben mir waren, dass es sich mehr nach einer 100-km-Pace anfühlte statt nach einer 100-Meilen-Pace. Ich wusste, wir würden noch in Schwierigkeiten kommen, aber niemand wollte langsamer werden und ich wollte sie nicht davonziehen lassen. Ich wusste, dass ich irgendwann Probleme bekommen würde – aber nicht wann.“
Diese Aussage fasst die Spannung der ersten Wettkampfhälfte zusammen. Francesco wusste, was er riskierte, aber er verstand auch sein Feld. Er blieb nahe genug, um relevant zu bleiben, aber ohne das Rennen an der Spitze kontrollieren zu wollen.

Francesco Puppis Wettkampfdaten von Olympic Valley (Start) bis Foresthill (Meile 62).
Sehen wir uns den Teil vom El Dorado Creek bis Foresthill an, wo Francesco begann, sich an die Spitze vorzukämpfen. Der Schlüsselmoment kam nach Michigan Bluff: Auf den letzten 6,3 Meilen bis Forsthill macht er knapp 3 Minuten auf Hans Troyer gut und verringerte den Abstand von 3:05 Min. auf nur 15 Sekunden. Seine Herzfrequenz stieg beim Anstieg nach Foresthill leicht, aber kontrolliert an. Gleichzeitig zeigt seine Effort Pace einen starken, anhaltenden Output bergauf an, aber keine Ausschläge ohne Rücksicht auf Verluste. Bevor die Strecke schneller und besser laufbar wurde, hatte es Francesco also bereits in diesem Abschnitt geschafft, zurück an die Spitze zu laufen.

Detailblick auf den Abschnitt zwischen El Dorado Creek und Foresthill, wo der Wettbewerb eine Wendung nahm.
Von Foresthill bis Rucky Chucky: unbekanntes Terrain
Francesco hatte noch nie 100 Meilen im Wettkampf zurückgelegt – Foresthill markierte damit die Grenze dessen, was er kannte. Bis dahin war es eine Distanz, die er kannte und verstand. Ab dann bedeutete jede einzelne Meile Neuland.
„Ein 100-Meilen-Debüt ist zugleich Vorteil und Nachteil“, sagt er.
„Du kannst die Anstrengung und Schmerzen nicht einschätzen und ich denke, das kann ein Vorteil sein. Wenn du bereits weißt, wie es sich anfühlt, versucht dein Verstand dich davor zu bewahren, diese Schmerzen erneut zu erleben. Aber wenn du gewinnen willst, musst du da durch. In meinem Fall lag all das noch vor mir und ich hatte nichts zu verlieren. Aber es ist auch ein Nachteil, weil Erfahrung in solchen Wettkämpfen wirklich wichtig ist.“
Obwohl die Distanz für Francesco neu war, bewegte er sich wieder auf Terrain, das ihm bekannt war. Nach Foresthill überlagert sich die Strecke mit Trails des Canyon 100K, wo er 2025 den Streckenrekord gelaufen war. Die Distanz war also eine Unbekannte, die Gegend hingegen bekannt. Je schneller und laufbarer die Strecke wurde, desto mehr spielte das Francesco in die Karten – und gleichzeitig wurde die mechanische Belastung für seine bereits müden Beine immer größer.
Francesco überholte Hans nach Foresthill und erreichte Rucky Chucky mit fast 10 Minuten Vorsprung. Er lief ohne Pacemaker, was den Abschnitt sowohl mental als auch körperlich noch anstrengender machte.
„Nach Foresthill wurde es hart ohne Pacemaker“, sagt er. „Der Tag begann sich wirklich lang anzufühlen.“
Auch die abgelegene Lage der Strecke war ein Thema.
„Es fühlt sich so fernab von allem an, vor allem im Vergleich zu den Wettkämpfen in Europa, an die ich gewöhnt bin. Da bist du einfach allein auf den Trails.“

Francesco Puppis Wettkampfdaten von Foresthill (Meile 62) bis Rucky Chucky (Meile 78).
Von der Flussquerung zur Ziellinie: ein Lauf, der Geschichte schreibt
Ab der Flussquerung lagen noch etwa 22 Meilen (35 km) und 1.140 Höhenmeter vor ihm. Der Abschnitt startet mit einem schwierigen Anstieg bis Green Gate und verwandelt sich dann in eine der am besten laufbaren Strecken des Rennens. Das klingt vorteilhaft für einen schnellen Läufer, aber nach über 125 km wird aus „laufbarem Terrain“ eine biomechanische Prüfung. Die Beine müssen weitermachen, auch wenn frühere An- und Abstiege bereits Schäden angerichtet haben.
Genau dort machte Vincent Bouillard seinen entscheidenden Schachzug: Bei den Auburn Lake Trails schloss er auf unter 1:30 Minuten Abstand auf und übernahm vor Quarry Road die Führung. Aber Francesco brach nicht ein, sondern lief weiterhin auf einem Niveau, das Geschichte schreiben sollte, indem er den Abschnitt zwischen Fluss und Finish mit 3:15 Stunden deutlich unter dem vorigen Streckenrekord blieb.
Die letzten Meilen zeigen beide Seiten eines Eliterennens über 100 Meilen: Ein Athlet, der ein unglaubliches Finish hinlegt, und ein zweiter, der nochmal alles gibt, um ein nie dagewesenes Debüt zu liefern.
Francesco Puppis Wettkampfdaten von Rucky Chucky (Meile 78) bis Auburn (Ziel).
Francesco Puppis erster 100-Meilen-Wettkampf endete als eine der schnellsten Leistungen in der Geschichte des Western States. Er startete mit Speed, passte sich in unbekanntem Terrain immer wieder an, übernahm nach 100 km die Führung und lief unter Rekordpace bis in unbekannte Gefilde.
Mehr zu Francescos FEARLESS-Story liest du auf dem Blog: Die schwere Last der Erwartungen. Und auch in seinem YouTube-Video GOING FURTHER - The Roller Coaster erfährst du mehr über seine Verletzungen, die Unsicherheit und die Geduld, die seine Vorbereitungszeit geprägt haben.

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